Atropin als Mittel zur Myopiekontrolle

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von Carolin Truckenbrod, Dipl. Ing. (FH) Augenoptik, MSc in Clinical Ophthalmology
Veröffentlicht in "die Kontaktlinse" 12/2016 mit freundlicher Genehmigung von Frau C. Truckenbrod (Augenoptik Truckenbrod)

Zusammenfassung

Myopien werden in Deutsch- land in der Regel klassisch durch Brillen oder Kontaktlinsen korrigiert. Dies verhindert jedoch nicht den Anstieg der Kurzsichtigkeit und damit das übermäßige Wachstum des Auges mit seinen Komplikationen wie Netzhautablösungen und myopische Degenerationen. Eine Therapie mit Atropin kann den Anstieg der Kurzsichtigkeit signifikant verringern und das Längenwachstum des Auges vermindern. Der genaue Wirkmechanismus des Atropins ist noch nicht geklärt. Auch sehr geringe Dosierungen haben einen positiven Effekt auf die Entwicklung der Myopie und führen zu einem deutlich geringeren Rebound-Effekt nach Beendigung der Therapie. In Deutschland gibt es bisher noch keine offiziellen Empfehlungen zur Myopietherapie mit Atropin.

Abstract

Myopia in Germany is commonly corrected by glasses or contact lenses. The correction of Myopia does not hamper the increase of Myopia as well as excessive growth of eye length, which leads to complications such as retinal detachments and myopic degenerations. Therapy with atropine can reduce the progression of myopia and the elongation of the eye significantly. The mode of action of atropine has yet to be determined. Also very low dose atropine has positive effects on myopia progression and leads to a reduced rebound effect after cessation of the therapy. In Germany no official guideline for myopia therapy with atropine has been published.

Atropin ist ein giftiges Tropan-Alkaloid. Es handelt sich um eine Mischung aus den Isomeren (R)- und (S)-Hyoscyamin, das sich bei der Isolierung durch Racemisierung aus dem Naturstoff (S)-Hyoscyamin bildet. Seinen Namen verdankt das Alkaloid der Schwarzen Tollkirsche (Atropa belladonna).
Foto by Julietta Hoffmann @pixelio.de

 

Reportage zu Atropin bei Kinder im SWR

Das Ziel einer Therapie mit Atropin

Kurzsichtigkeiten werden in Deutschland in der Regel klassisch korrigiert anstatt therapiert. Das heißt, dass bei reinen Myopien ohne Presbyopie Einstärkengläser oder -kontaktlinsen verschrieben werden, um die Fehlsichtigkeit optisch zu korrigieren. Mit normaler Korrektion wurde die Kurzsichtigkeit bei Kindern in einer aktuellen niederländischen Studie jedes Jahr um eine Dioptrie stärker. [1,2] Ideal wäre es jedoch, höheren Myopien entgegenwirken zu können, da die Komplikationsrate mit der Höhe der Kurzsichtigkeit steigt. Dazu zählen Netzhautablösungen, myopische Netzhautdegenerationen und Glaukom. Während das Risiko, eine starke Sehbeeinträchtigung zu entwickeln bei Augenlängen von über 26mm bei 30% liegt, ist das Risiko bei Augenlängen von über 30mm 95%. Zudem sind auch in Europa immer mehr Menschen von einer Kurzsichtigkeit betroffen.[3] Daher stehen immer mehr Überlegungen im Fokus, wie die Kurzsichtigkeit therapiert anstatt korrigiert werden kann. Das Ziel einer Therapie ist es, die Geschwindigkeit der Entwicklung einer Kurzsichtigkeit zu verringern und das absolute Wachstum des Auges zu verringern. Somit könntenauch die Komplikationen und Erblindung durch Kurzsichtigkeit verringert werden.

Wie wirkt Atropin gegen die Entwicklung der Kurzsichtigkeit?

Das derzeit wirksamste pharmakologische Mittel ist Atropin. Warum der therapeutische Effekt durch Atropin erzielt werden kann, ist jedoch bisher nicht bekannt. Da das Medikament die Fähigkeit zur Akkommodation einschränkt und die Pupille erweitert, wurde bisher angenommen, dass eine exzessive Akkommodation die Myopieentwicklung begünstigt und diese durch Atropin behandelt wird. Dies konnte jedoch anhand von Tierversuchen widerlegt werden, bei denen aufgrund anderer Rezeptorarten am Ziliarkörper Atropin nicht zur Einschränkungen der Akkommodation führt und trotzdem ein positiver Effekt bei der Myopieprogression erzielt wurde. Die Wirkung könnte stattdessen an der Netzhaut auftreten.[4]

Wie stark ist die Wirkung von Atropin?

Die Wirkung von Atropin wurde vor allem an asiatischen Kindern ausgiebig getestet. In einer Studie von Chua et al. erhielten 400 asiatische Kinder zwischen 6 und 12 Jahren über zwei Jahre entweder ein Placebo oder einprozentiges Atropin als Augentropfen. In der Placebogruppe verstärkte sich die Kurzsichtigkeit im Studienzeitraum um -1,20 dpt und in der Therapiegruppe nur um -0,28 dpt. Pro Jahr konnte also eine Verringerung des Anstiegs der Myopie um 0,46 dpt erreicht werden. Das Längenwachstum des Auges stagnierte sogar in der Atropingruppe, während die Augen in der Placebogruppe innerhalb der zwei Jahre um durchschnittlich 0,38 mm länger wurden.[5] In einer weiteren Studie von Chia et al. mit ebenfalls 400 Kindern wurde die Dosierung von Atropin untersucht. Die Studienteilnehmer erhielten 0,5%, 0,1% oder 0,01% Atropin über zwei Jahre und wurden nach Beendigung der Therapie noch für ein weiteres Jahr beobachtet. Über die drei Studienjahre wurde der beste therapeutische Effekt mit der geringsten Dosierung von 0,01% erzielt. Bei diesen Kindern verstärkte sich die Kurzsichtigkeit innerhalb von 3 Jahren um -0,72 dpt, während bei einer Dosierung von 0,1% die Myopie um -1,04dpt und bei 0,5% um -1,15 dpt zunahm.[6]

Eine europäische Studie von Polling et al. mit 77 Kindern, davon 53 europäischer Abstammung, zeigte, dass sich mit 0,5% Atropin über ein Jahr gegeben die Progressionsrate von -1,00 dpt auf -0,10 dpt verringerte. Außerdem setzte die Studiengruppe das Alter der Teilnehmer in Bezug zum Therapieerfolg. Dabei zeigte sich, dass die Effektivität bei unter Neunjährigen am geringsten war mit -0,49 dpt pro Jahr, in der Gruppe der Neun- bis Zwölfjährigen stieg die Kurzsichtigkeit nur um -0,06 dpt an und bei über Zwölfjährigen blieb sie mit +0,02 dpt stabil.[1] Diese Studie zeigt, dass Atropin auch bei Europäern wirksam ist und ältere Kinder am meisten von der Therapie profitieren. Im direkten Vergleich könnte der Effekt der Therapie jedoch bei asiatischen Kindern größer sein als bei europäischen, was eine Studie von Li et al. zeigt. Kinder asiatischer Abstammung profitierten hier von einem um durchschnittlich 0,55 dpt geringerem Anstieg der Myopie im Vergleich zur Placebogruppe pro Jahr, während Kinder weißer Abstammung nur eine Verringerung der Progression von 0,35 dpt pro Jahr erzielten.[7] 

Wie lange hält die Wirkung von Atropin an?

Nach dem Absetzen von Atropin könnte sich ein Rebound-Effekt einstellen, bei dem nun eine schnellere Zunahme der Kurzsichtigkeit erfolgt. Tong et al gaben 400 Kindern Atropin 1% über zwei Jahre an nur einem Auge. Anschließend wurde das Atropin abgesetzt. Im darauffolgenden Jahr entwickelte sich die Kurzsichtigkeit im behandelten Auge um -1,14 dpt und im nicht behandelten Auge nur um -0,38 dpt. Dennoch waren die behandelten Augen nach den drei Beobachtungsjahren insgesamt weniger kurzsichtig (absolut -4,29 dpt) als die nicht behandelten Augen (absolut -5,22 dpt) und auch die Achslänge hatte nur um 0,29 mm zugenommen, im Vergleich zum nicht behandelten Auge mit 0,52 mm.[8] Dieser Effekt ist auch abhängig von der Konzentration des Atro-
pins, wie die Studie von Chia et al. zeigt. Bei einer Dosis von 0,01% Atropin verstärkte sich die Myopie im Jahr nach dem Absetzen der Tropfen um -0,28 dpt, bei 0,1% Atropin um -0,68 dpt und bei 0,5% Atropin um -1,15 dpt.[6] Eine geringere Konzentration des Therapeutikums führte damit zu einem stetigeren Therapieeffekt. Möglicherweise kann versucht werden, die Dosis des Arzneimittels langsam auszuschleichen, wenn die Refraktion über zwölf Monate lang stabil war, um so einem Rebound Effekt vorzubeugen.[1]

Nebenwirkungen von Atropin

Aufgrund seiner Wirkung führt Atropin zu einer Erweiterung der Pupille mit Blendungserscheinungen sowie zu einer Verringerung der Akkommodationsfähigkeit und damit einem geringeren Nahvisus und Leseproblemen. Daher werden gleichzeitig zur Atropintherapie häufig auch Gleitsichtgläser verschrieben. In der niederländischen Studie gaben 72% der Kinder an, unter Photophobie zu leiden, 38% berichteten von Schwierigkeiten beim Lesen und 22% beklagten Kopfschmerzen.[1] Im asiatischen Raum scheinen diese Nebenwirkungen weniger stark aufzutreten.[5] Nach Beendigung der Therapie erreichen die Pupillengrößen, die Akkommodation und der Nahvisus wieder Werte wie vor dem Beginn der Behandlung.[13] Möglicherweise verringert sich jedoch die posttherapeutische Akkommodation, wenn die Dosierung des Atropins höher war (0,5% im Vergleich zu 0,1% oder 0,01%).[6] Die Langzeitwirkungen von Atropin sind bisher noch nicht ausreichend erforscht. Gegebenenfalls kann eine vorzeitige Presbyopie, Katarakt oder ein Lichtschaden an der Netzhaut entstehen.[4] 

Anwendung von Atropin zur Myopiekontrolle in Deutschland

Bisher gibt es nur einige deutsche Augenärzte, die auf Wunsch und nach Absprache Atropin verschreiben. Diese Art der Therapie der Kurzsichtigkeit ist aber noch nicht Bestandteil einer Leitlinie, da bisher noch Studien an europäischen Kindern in ausreichender Zahl fehlen und die Langzeitwirkung noch nicht ausreichend erforscht wurde. In einer Mitteilung der DOG wird empfohlen, nur eine geringe Dosis Atropin abends anzuwenden. Dann ist die Akkommodation vor allem nachts etwas eingeschränkt und es entstehen kaum Nebenwirkungen tagsüber. Bei sehr geringen Dosen von 0,01% Atropin sind die Nebenwirkungen generell eher gering. Der Effekt der Atropintropfen ist deutlich größer als der von Kontaktlinsen, reichlich Tageslicht oder Gleichtsichtbrillen.[9] Dennoch sollte der zusätzliche Nutzen von Tageslicht kumulativ genutzt und die Empfehlung ausgesprochen werden, möglichst viel Zeit im Freien zu verbringen.

Zusammenfassung

Atropin ist ein wirksames Mittel zur Verringerung der Progression der Myopie. Den Nebenwirkungen Blendung und Leseprobleme kann mit sehr geringen Dosierungen, welche abends getropft werden, entgegengewirkt werden, ohne den therapeutischen Effekt einzuschränken. Jedoch ist bisher besonders der langfristige Nutzen von Atropin zur Behandlung der Kurzsichtigkeit noch nicht ausreichend erforscht. Dazu kommt eine dünne Studienlage mit deutschen oder europäischen Kindern. Daher ist eine offizielle Empfehlung zur Myopietherapie mit Atropin in den nächsten Jahren in Deutschland nicht zu erwarten.

 

Literaturverzeichnis

  1. Polling, JR, et al. Effectiveness study of atropine for progressive myopia in Europeans. Eye. 30, 2016, S. 998-1004.
  2. Walline, JJ, et al. Interventions to slow progression of myopia in children. Cochrane Database Syst Rev. 2014.
  3. Williams, KM, et al. Increasing prevalence of myopia in Europe and the impact of education. Ophthalmology. 122 (7), 2015, S. 1489-1497.
  4. McBrien, et al. Point-counterpoint: How does atropine exert its anti-myopia effects? Ophthalmic Physiol Opt. 33, 2013, S. 373-378.
  5. Chua, WH, et al. Atropine for the treatment of childhood myopia. Ophthalmology. 113 (12), 2006, S. 2285-91. 
  6. Chia, A, et al. Atropine for the treatment of childhood myopie: changes after stopping atropine 0,01%, 0,1% and 0,5%. Am J Ophthalmol. 157(2), 2014, S. 451-457.
  7. Li, SM, et al. Atropine slows myopia progression more in Asian than white children by meta-analysis. Optom Vis Sci. 91 (3), 2014, S. 342-50.
  8. Tong, L, et al. Atropine for the treatment of childhood myopia:effect on myopia progression after cessation of atropine. Ophthalmology. 116 (3), 2009, S. 572-9. 
  9. DOG. Augentropfen gegen Kurzsichtigkeit: Atropin beugt der Sehschwäche besser vor als Kontaktlinsen oder Tageslicht. Scinexx. [Online] 19. 9 2016. [Zitat vom: 30. 10 2016.] http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-20628–2016–09–16.html.
  10. Gwiazda, J. Treatment Options for Myopia. Optom Vis Sci. 86 (6), 2009, S. 624-628.

Über die Autorin:

Carolin Truckenbrod ist Diplomingenieurin für Augenoptik, (FH), und Master in klinischer Augenheilkunde.

  • 2007 Abitur
  • 2007 - 2009 Berufsschule Hankensbüttel, Augenoptikergesellin
  • 2007 - 2011 Optik Weiss, Leipzig, Ausbildung und Praktikum
  • 2007 - 2011 Duales Studium an der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel (Ostfalia)
  • 2011 - 2013 Optometristin bei Barnard & Levit Optometrists, London
  • 2012 Mastermodul Glaukom in Jerusalem
  • 2012 - 2013 Masterstudium in klinischer Augenheilkunde am University College London (UCL)
  • seit 2013 selbstständige Optometristin bei Augenoptik Truckenbrod in Leipzig

Kontaktdaten können bei uns beantragt werden.

 

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