Myopie bei Kinder – Risiken, Mythen und was dahintersteckt

with No Comments
Geschrieben von Pascal Blaser M.Sc. in Vision Science & Business

Dieser Artikel wurde im September 2018 in der Zeitschrift "Optometrie" der Wissenschaftlichen Vereinigung für Augenoptik und Optometrie "VWAO" veröffentlicht. Dies ist ein Zusammenschnitt von zwei unterschiedlichen Artikel von mir in Zusammenarbeit mit Philip Cheng (Australien) und Gero Mayer aus Frankfurt.

Das Jahr 2018 war für mich, der sich mit dem Thema Myopie Management bei Kindern viel beschäftigt, bis anhin sehr spannend. Regelmässig wurden in Zeitungen, online Magazinen und im Fernsehen über das Thema Myopie bei Kindern unter verschiedenen Aspekten publikumswirksam berichtet.

Zum einen wurde das Smartphone oder das Tablet als Grund für das vermehrte Auftreten von Kurzsichtigkeit, oder sogar für eine zukünftige Erblindung herangezogen, zum anderen wurde die Unterkorrektur bei Kindern mit Myopie wieder salonfähig.

Woher kommen diese neuen Erkenntnisse, was steckt dahinter und was ist auch belegbar?

Macht das Smartphone die Augen meines Kindes schlechter?

Smartphones und Tablets. Wir alle haben eines dieser Geräte, und in den meisten Fällen sogar beide. Viele Kinder benutzen sie dementsprechend täglich. Manche Schulen verlangen sogar, dass Kinder eines dieser Geräte für ihren Schulunterricht besitzen. Ganz anders in Frankreich. Dort hat Präsident Macron die Smartphones aus den Schulzimmer verbannt. Die Meinungen scheinen also gespalten.

Die Verbreitung der Kurzsichtigkeit im Kindesalter ist in den letzten zehn Jahren weltweit deutlich angestiegen. Laut WHO werden bis zum Jahr 2050 die Hälfte der Menschheit kurzsichtig sein. Wir sind also mittendrin.

Das ursprüngliche iPad, der Vater der Tablets sozusagen, wurde 2010, vor etwa 8 Jahren, auf den Markt gebracht. Ist das jetzt nur ein Zufall, oder kann die massive Verbreitung des iPad tatsächlich Einfluss auf die heute höhere Anzahl kurzsichtiger Kinder genommen haben?

Es ist sehr einfach, dem iPad und anderen ähnlichen elektronischen Geräten, wie Smartphones und Tablets, die alleinige Schuld zu geben.

Leistungssport für die Augen – Die Naharbeit

Ob lesen, schreiben, spielen auf einem Tablet, der Nachhilfeunterricht, das Erlernen eines Musikinstruments oder Computerspiele, alle diese Tätigkeiten erhöhen die Anforderungen an die Augen. Zu viel davon kann sogar zu Augenbeschwerden führen.

Manche Kinder, deren Augen dazu neigen bei der Naharbeit nicht richtig zu fokussieren, sind dann auch noch anfälliger für Kopfschmerzen, Augenbrennen und ähnliche Symptome.

Werden diese Probleme der Nahfokussierung nicht rechtzeitig von einem Augenspezialisten erkannt und dementsprechend auch korrigiert, können sie zu einer stetigen Zunahme der Kurzsichtigkeit führen.

Wieso wächst das Auge überhaupt?

Das Problem ist unter anderem der Aufbau und die Optik unseres Auges. Die Natur hat einfach nicht vorausgesehen, dass wir stundenlang in die Nähe fokussieren würden.

Durch den Blick in die Nähe, auch mit einer Korrektur, kann ein sogenannter «hyperoper Defokus» entstehen. Das bedeutet, dass die Bilder im peripheren, also nicht zentralen, Bereich der Netzhaut unscharf abgebildet werden.

Diese unscharfe Abbildung bedeutet, dass das Bild hinter der Netzhaut und nicht auf ihr liegt. Forscher haben in den letzten Jahren mittels Tierversuchen belegt, dass diese unscharfe Abbildung dafür sorgt, dass die Netzhaut wächst. Die Netzhaut hat nämlich die Tendenz, das Bild in jedem Bereich scharf stellen zu wollen.

Verlassen wir unsere moderne Höhle

Wo beschäftigen sich heutzutage die meisten Menschen und Kinder mit Nahtätigkeiten über einen längeren Zeitraum? Richtig. Auf der Arbeit, in der Schule oder in den eigenen vier Wänden.

Früher, also wir noch in Höhlen gelebt haben, war es absolut notwendig die Höhle zu verlassen. Das eigene Überleben wollte gesichert werden.

Und beim Jagen, oder der Ausschau nach Feinden waren wir gezwungen in die Ferne zu schauen.

Das hat sich heut zu tage alles geändert. Wir sichern unser Überleben, indem wir eben nicht mehr die sicheren vier Wände verlassen. Wir lassen den Blick kaum noch in die Ferne schweifen. Alles was wir brauchen haben wir uns ja mittlerweile in greifbare Nähe gestellt.

Was wir dadurch nicht mehr bekommen, ist Sonnenlicht. Wir fahren morgens auf die Arbeit und unsere Kinder gehen in den Kindergarten oder die Schule.

Studien lassen aber darauf schließen, dass der Aufenthalt im Freien, gerade bei unter 7-jährigen, am effektivsten ist die Entwicklung der Kurzsichtigkeit vermeiden.

Wieso das so ist, können wir nicht genau erklären. Es scheint jedoch mit der Ausschüttung von Dopamin zusammen zu hängen. Das Sonnenlicht stimuliert offensichtlich diesen Neurotransmitter.

Unsere Kinder sollten also mindestens 90 Minuten pro Tag im Freien verbringen. Zusätzlich legen Sie alle 20-30 Minuten eine Pause ein und lassen den Blick in die Ferne schweifen.

Achten Sie auf das Leseverhalten Ihrer Kinder. Das Buch/Tablet sollte es nicht direkt vor die Nase halten.

Eine einfache Lösung haben wir nicht, aber die neuen Medien einzuschränken und vielleicht aus Kinderzimmern zu verbannen, ist wahrscheinlich einfacher gesagt, als getan.

Die richtige Korrektur bei kurzsichtigen Kinder

Wir kommen wieder zu dem peripheren Defokus von weiter vorne im Text. Auf Grund dieses Phänomens, hält sich das Thema der UNTERkorrektur immer noch in vielen Köpfen.

Durch die UNTERkorrektur wird nämlich der periphere Bereich auf die Netzhaut gebracht. Nur leidet jetzt der zentrale Bereich des Auges. Und der ist verantwortlich für das gute Sehen. Die Kinder klagen dann eventuell über Kopfschmerzen, oder können die Aufgaben an der Tafel nicht mehr gut mitverfolgen.

Leider wird diese Art der Korrektur immer wieder angewendet, da es eine Studie von Tokoro und Kabe gibt, die die Unterkorrektur als positives Werkzeug bei der Myopiekontrolle darstellte.

In dieser Studie aus dem Jahre 1965 wurde eine langsamere Entwicklung der Kurzsichtigkeit bei einer Unterkorrektur festgestellt. Wer die Studie genauer liest, findet aber auch den Hinweis, dass viele der Kinder pharmazeutische Behandlungen bekamen. Dies verfälscht und beeinflusst möglicherweise die Ergebnisse.

Und keine Korrektur?

Auch eine Möglichkeit! Es gibt eine relevante Studie, in der eine UNkorrigierte Versorgung einen positiveren Einfluss auf die Entwicklung der Myopie hat, als eine UNTERkorrektur.

Die Studie hat gezeigt, dass bei Kindern, die gar keine Korrektur bekamen, die Kurzsichtigkeit etwas langsamer voranschreitet, als bei Kindern mit Vollkorrektion.

Wir weisen hier auch einmal darauf hin, dass diese Studie die erste ihrer Art ist. Die Ergebnisse sind also mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Nur Sinn ergeben die Ergebnisse allemal.

Denn ein Nachteil einer Korrektur mit Brille ist der periphere Defokus. Und wie wir mittlerweile wissen, spielt der eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Kurzsichtigkeit.

Ob die Lösung nun keine Brille ist, das ist fraglich, denn wenn der Visus, also die Sehschärfe, stark eingeschränkt ist, ist es auch das Kind.

Also was jetzt?

Korrigieren wir die Kinder nun also gar nicht, oder nur zum Teil oder voll? Unterschiedliche Studien gingen genau auf diese Fragen ein.

In den letzten zwei Jahrzenten haben Chung et al. (2002), Adler et al. (2006), Vasudeven et al. (2014) und Li et al. (2015) gezeigt, dass eine UNTERkorrektur der Kurzsichtigkeit eher zu einer verstärkten Zunahme der Kurzsichtigkeit führt. Die Autoren folgerten aus den Ergebnissen, dass Unterkorrektur keine geeignete Massnahme sei, um das Fortschreiten der Myopie zu verhindern.

Derzeitige Empfehlungen

Die Kinder sollten nach derzeitigem wissenschaftlichen Stand voll auskorrigiert werden. Zumindest zu Beginn der Kurzsichtigkeit kann auch keine Korrektur Sinn machen, falls diese noch keine große Einschränkung darstellt.

Da die Zunahme der Kurzsichtigkeit auch bei einer Vollkorrektur voranschreitet, ist das System der Unterkorrektion nicht empfehlenswert. Das Kind wird auch bei einer Vollkorrektur irgendwann in eine Unterkorrektur rutschen. Wenn wir vorher noch künstlich den Wert niedriger angelegt haben, sieht es sehr viel schlechter. Das kann im Alltag zu Problemen führen.

Genau deswegen sind auch regelmäßige Kontrollen von 6 Monaten so wichtig. Die Eltern sollten ihr Kind in seinem Alltag beobachten und ihm erklären, dass es sich melden soll, sobald es das Gefühl hat, wieder schlechter an der Wandtafel zu sehen. Schließlich ist das Kind davon betroffen und hat vermutlich auch ein großes Interesse daran, dass die Brille nicht immer dicker wird.

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

myopia.care - the web application for myopia control