Nötiges Fachwissen oder Spezialisierung?

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Erstpublikation in der DOZ 06 | 2019, mit freundlicher Genehmigung vom Autor, Herrn Ingo Rütten

Sollte ein Augenoptiker heute eine Myopie-Kontrolle anbieten? Hat er die Möglichkeiten dazu, und lässt sich damit Geld verdienen? Die DOZ hat sich umgehört.

In den vergangenen Jahren hat sich durch den Verdrängungswettbewerb in der Augenoptik gezeigt, dass mittelständische Kollegen zunehmend nach neuen Möglichkeiten suchen, sich erfolgreich am Markt zu behaupten. Die Notwendigkeit von regelmäßigen Weiterbildungen ist erkannt und zumindest die Willensbekundung, diese Veranstaltungen auch zu besuchen, wird in Umfragen regelmäßig bekräftigt. Schließlich eröffnet eine fundierte oder auch eine neue Kompetenz die Chance, neue Angebote für die Kunden anzubieten. Stichwort Spezialisierung.

In der jüngeren Vergangenheit hat sich in diesem Zuge ein Thema in die Überlegungen eingeschlichen, das so neu zwar gar nicht zu sein scheint, das aber plötzlich angesichts des öffentlichen Interesses wirtschaftlich interessanter zu werden verspricht: die Myopie-Kontrolle oder wahlweise das Myopie-Management. Es sind noch etliche Fragen zur Myopie-Entwicklung weltweit und insbesondere in Deutschland offen. Doch einige Fakten belegen, dass die Kurzsichtigkeit zweifelsfrei zunimmt und dass natürlich Bedarf besteht, die Myopie bestenfalls kleiner als minus fünf Dioptrien zu halten, um spätere Erkrankungen zu verhindern. Aber die Recherche bei einigen Experten dieses Themas ergibt trotzdem, dass sich Otto-Normal-Augenoptiker zwar mit der Myopie-Kontrolle befassen, aber keine umsatzrelevanten Hoffnungen machen sollten. Für eine Spezialisierung im eigentlichen Sinne taugt das Thema Myopie- Kontrolle (derzeit) nicht. Aber warum?

Ingo Rütten

Der Ende Juni 2019 als Verlagsleiter und Chefredakteur beim DOZ-Verlag ausscheidende Augenoptikermeister begleitet das Thema Myopiemanagement beruflich wie privat – als Vater eines Sohnes von stark myopen Eltern.

In Asien, etwa in China oder Singapur, sieht man auf der Straße kaum ein Kind ohne Brille. „Und in den USA gibt es mittlerweile Franchise- und Shop- in-Shop-Systeme, die sich der Myopie-Kontrolle verschrieben haben“, ergänzt Pascal Blaser, der sich als Optometrist mit mehr als zehn Jahren Erfahrung in der Kontaktlinsenindustrie öffentlichkeitswirksam diesem Themengebiet widmet. Der Schweizer weiß aber auch, dass hierzulande die Eltern einfach noch viel zu wenig über die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit und die Wichtigkeit wissen, diese nicht „ausufern“ zu lassen - den manchmal hysterisch anmutenden Presseberichten zum Trotz. Außerdem:

„Es gibt in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich nicht genug Kinder, um ein Geschäft darauf aufzubauen“,

erteilt Blaser einem gewinnbringenden Spezialisie-ungsgedanken gleich eine Abfuhr.

In den vergangenen Jahren hat sich durch den Verdrängungswettbewerb in der Augenoptik gezeigt, dass mittelständische Kollegen zunehmend nach neuen Möglichkeiten suchen, sich erfolgreich am Markt zu behaupten. Die Notwendigkeit von regelmäßigen Weiterbildungen ist erkannt und zumindest die Willensbekundung, diese Veranstaltungen auch zu besuchen, wird in Umfragen regelmäßig bekräftigt. Schließlich eröffnet eine fundierte oder auch eine neue Kompetenz die Chance, neue Angebote für die Kunden anzubieten.

Stichwort Spezialisierung.

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In der jüngeren Vergangenheit hat sich in diesem Zuge ein Thema in die Überlegungen eingeschlichen, das so neu zwar gar nicht zu sein scheint, das aber plötzlich angesichts des öffentlichen Interesses wirtschaftlich interessanter zu werden verspricht: die Myopie-Kontrolle oder wahlweise das Myopie-Management.

Es sind noch etliche Fragen zur Myopie-Entwicklung weltweit und insbesondere in Deutschland offen. Doch einige Fakten belegen, dass die Kurzsichtigkeit zweifelsfrei zunimmt und dass natürlich Bedarf besteht, die Myopie bestenfalls kleiner als minus fünf Dioptrien zu halten, um spätere Erkrankungen zu verhindern. Aber die Recherche bei einigen Experten dieses Themas ergibt trotzdem, dass sich Otto-Normal-Augenoptiker zwar mit der Myopie-Kontrolle befassen, aber keine umsatzrelevanten Hoffnungen machen sollten. Für eine Spezialisierung im eigentlichen Sinne taugt das Thema Myopie- Kontrolle (derzeit) nicht. Aber warum?

Es gab schon immer Kurzsichtige

Allerdings bedeutet das noch lange nicht, dass sich die Augenoptiker nicht um ihre jüngsten Kunden kümmern sollten. Was ja auch bislang so in der Praxis geschehen ist. Denn, es gab schließlich schon immer kurzsichtige Kinder und es gibt glücklicherweise auch schon sehr lange Korrektionsmöglichkeiten für diese Fehlsichtigkeit – die wohlgemerkt auch aufgrund der öffentlichen Diskussion nicht plötzlich eine Krankheit geworden ist, sondern immer noch zunächst „nur“ eine Anomalie bedeutet, die sich in unseren Breitengraden langfristig nicht verdoppeln wird.

Heute aber stehen Augenoptiker im Gegensatz zu früher vor der Frage, ob sich die Entwicklung der Kurzsichtigkeit möglicherweise verlangsamen lässt – denn heute gibt es eine Auswahl erfolgversprechender Produkte, die sich offensichtlich auf die Progression der Myopie auswirken.

Noch einmal, es geht nicht um die Frage, ob die Zahl der Myopen zunimmt oder ob die Myopien immer stärker werden. Den zu versorgenden zehnjährigen kurzsichtigen Jungen gab es vor Jahrzehnten genauso wie heute. Aber weltweit ist die Myopie bereits zu einem Gesundheitsproblem geworden, und warum sollte man dann hierzulande nicht die Möglichkeiten nutzen, um dem Jungen für die Zukunft zu helfen?

Pathologische Myopien gehören dabei immer noch in die Hände des Augenarztes, mit dem ohnehin eine Zusammenarbeit angezeigt ist, was bei der Betrachtung der infrage kommenden Produkte zur Verlangsamung der Kurzsichtgkeits-Progression klar wird.

Kontaktlinsen und Atropin

Bei Myopie-Kontrolle denken wir wir heute vor allem an mutlifokale Kontaktlinsen, Ortho-K-Linsen und an Atropin. Stefan Lahme, wohlbekannt in unserer Branche, nennt als seine Tätigkeitsschwerpunkte Kontaktlinsen, Kinderoptometrie und Binokularsehen. Er hat seit 2010 mit Mutlifokal- und Ortho-K-Linsen bei der Myopie-Kontrolle Erfolge erzielt. „Im Durchschnitt konnten wir die Progression um etwa 70 Prozent verlangsamen“, sagt Lahme, der betont, dass ein Augenoptiker/Optometrist für die Myopie-Kontrolle unbedingt Erfahrung in der Kinderoptometrie haben müsse.

„Aber der erste wichtige Punkt ist der geübte Umgang mit einem Skiaskop. Niemand sollte Kinder unter zwölf, besser 14 Jahren ohne den Einsatz eines Skiaskops untersuchen.“

Die Kombination aus der Anpassung von Ortho- K-Linsen und der Gabe von Atropin (in einer Konzentration von 0,01 %) verspricht derzeit die besten Ergebnisse. Christian Müller, Vizepräsident des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen (ZVA), ist auch recht sicher, dass diese Kombination eine gute ist, aber versprechen kann er den Eltern eines Kurzsichtigen dennoch nichts.

„Wir haben schon in den 1980er Jahren in solchen Fällen flache Linsen angepasst, weil es damals hieß, dass die Kinder dann weniger myop werden“, berichtet Müller. Aber es fehlen immer noch die Beweise, Vergleichsstudien oder auch nur relevante Studien, die sich auf die Myopie-Entwicklung in Deutschland oder mindestens Europa beziehen. Das macht am Ende auch die Diskussion um die (für viele Eltern zu) hohen Kosten nicht leichter. Denn besser als die Erfolgsaussichten und die zu erwartende Progression sind die jährlichen Kosten zu beziffern, die laut Müller bei etwa 850 Euro (Atropin und Ortho-K-Linsen) liegen.

Bescheid wissen!

Alle – auch die im Text nicht erwähnten – Experten sind sich einig: Augenoptiker sollten zum Thema Myopie-Kontrolle Bescheid wissen. Denn sie können und müssen Eltern aufklären, Rat geben, beobachten und die richtigen Schritte einleiten.

Häufig wird das gemeinsam mit dem Augenarzt geschehen. Vermutlich wird das Myopie-Management einen Schub bekommen, wenn es geeignete Brillengläser als Therapiemöglichkeit gibt. Brillengläser sind hierzulande das beliebteste Korrektionsmittel und werden es auf Sicht auch bleiben.

Heute aber sind es die Optometristen und nicht zuletzt die Kontaktlinsenspezialisten, die sich um Myopie-Kontrolle kümmern (sollten). Sie haben das Wissen, die Erfahrung und die erforderlichen Geräte. Lahme bringt es vielleicht auf den Punkt, grenzt aber auch noch einmal ein:

„Myopie-Kontrolle ist ein wichtiges Feld. Ein Betrieb, der Erfahrung in Kinderoptometrie hat, kann sich in diesem Rahmen darauf spezialisieren. Aber Betriebe, die bislang wenig bis gar keine Erfahrungen mit Untersuchungen an Kindern gesammelt haben, werden sich schwer tun, die richtige Klientel zu finden, um diese Erfahrungen zu machen.“

Also: zusätzliche Dienstleistung ja, neues Standbein nein! Myopie-Kontrolle ist nicht für jeden Augenoptiker die Hoffnung auf zusätzliche Kundschaft und neuen Umsatz. Auf der anderen Seite muss auch nicht jedes kurzsichtige Kind untersucht werden. Um zu sehen, ob bei einem Kind eine auffällige Entwicklung der Myopie (innerhalb eines halben Jahres) zu erkennen ist, reicht laut Müller „ein ordentliches Kundenmanagement.“ Und auch bei der Frage, wie sich ein Augenoptiker das erforderliche Wissen aneignen könne, zeigt sich der ZVA-Vize pragmatisch.

„Weiterbildung ist für jeden Augenoptiker Pflicht, und jeder, der sich weiterbildet, kommt an diesem Thema nicht mehr vorbei.“

Was aber nichts daran ändert, dass für die meisten mittelständischen Kollegen das Thema Myopie-Kontrolle eher zum nötigen Fachwissen gehören sollte, als dass daraus eine Spezialisierung oder eine neue Geschäftsidee werden könnte – zumindest „im Hier und Jetzt“.

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