PROGRESSIVE MYOPIE- im Zusammenhang mit vermehrter Naharbeit

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von Frau Celina Knar und Herr Patrik Koch

In dieser Arbeit stellen wir Ihnen die progressive Myopie vor. Wir beschäftigen uns mit den Gründen des Vormarsches, den Hemm- und Messmethoden und die dadurch hervorgerufenen Sekundärerkrankungen bei hoher Myopie.

Einleitung

Die Verbreitung der Myopie ist in den letzten Jahrzehnten im gesamten Raum der industriell-entwickelten Ländern gestiegen. Dies ist hauptsächlich auf die Veränderungen des Lebensstils und der Gewohnheiten zurückzuführen. Vor allem die vermehrte Nahaktivität im Alltag und weniger Aktivitäten im Freien haben einen großen Anteil an der pathologischen Veränderung des Auges. Myopie ist einer der häufigsten refraktiven Fehler des Auges weltweit. In entwickelten Ländern wird die Myopie mittlerweile zu einer Epidemie. Laut einem Bericht, der in der Zeitschrift

„Nature“ veröffentlicht wurde, leiden 80-90 % der Schüler in Ost- und Süd-Ost Asien zwischen 17 und 18 Jahren an Myopie. In Europa ist der Anteil an myopen Personen dramatisch gestiegen, aber mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen in den verschiedenen Altersgruppen. In der Untergruppe der 25-Jährigen beträgt der Anteil der myopen Personen 46%, in der Untergruppe der 75-Jährigen jedoch nur 15%. Es wird vermutet, dass bis 2050 die Hälfte der Weltbevölkerung an Myopie leiden könnte. Dies wäre eine riesige soziale und ökonomische Hürde für das globale Gesundheitssystem.

Patrik Koch

Patrik Koch
Patrik Koch lebt in der Nähe von Wien und hat im August 2016 mit der Lehre zum Augenoptiker begonnen und im Dezember 2019 abgeschlossen.
Der Artikel wurde für ein Projektpraktikum an der TFBS Hall in Tirol geschrieben.

Hauptteil

Zunahme der Myopie

Naharbeit

Generell stellt die Arbeit am Bildschirm bzw. mit digitalen Medien, wie Tablets, Smartphones usw. nur eine „Sonderform“ der Naharbeit dar. Dies hat aber viele Auswirkungen: man blinzelt weniger und die Augen akkommodieren dauerhaft, damit gehen auch asthenopische Beschwerden einher. In diesem Fall treten am häufigsten rote Augen, brennende bzw. trockene Augen, Kopfschmerzen und Doppelbilder auf. Das Risiko für die dauerhafte Myopie liegt in der dauerhaften Akkommodation. Nach langer Naharbeit fällt es schwer in der Ferne wieder scharf zu Sehen. Dieser Effekt wurde in mehreren Studien belegt, welche Messungen über den kompletten Tagesverlauf machten. Demnach ist es durchaus möglich, nach dauerhafter, mehrstündiger Naharbeit, um bis zu 1 Dioptrie kurzsichtiger zu sein. Ebenso spielen die Beleuchtung währenddessen und die Größe der Sehzeichen eine große Rolle.

Genetik

Es konnte eine positive Verknüpfung zwischen der Myopie der Eltern und der Gefahr, dass das Kind selbst eine Myopie entwickelt, festgestellt werden.

Während die gewöhnliche Myopie eher als komplexe Eigenschaft vererbt wird, kann die hohe Myopie (1) auch als Mendelsche Eigenschaft weitergegeben werden. Um den Ursprung und die myopen Eigenschaften besser zu verstehen, wurden über die Jahre etliche Studien mit eineiigen Zwillingen durchgeführt. Die „Twin Eye Study“ hat in diesem Zusammenhang herausgefunden, dass eine Gemeinsamkeit bei Myopie vorliegt.

Sobald ein Zwilling eine Myopie entwickelt, besteht eine 90%ige Chance, dass der andere Zwilling ebenso eine Myopie entwickelt. Eine Kohortenstudie, die “Guangzhou Eye Study“ hat ebenso herausgefunden, dass eine Weitergabe Wahrscheinlichkeit von der progressiven Myopie bei 84% liegt. Es gibt einige Gene, die das achsiale Wachstum des Auges stoppen könnten. Dies kann aber zurzeit nicht weiter erforscht werden, da Genmanipulation bei Embryos verboten ist. Wenn diese Annahmen stimmen, könnte das bedeuten, dass im Embryonalstadium bereits Gene verändert werden können, um Kinder vor einer fortschreitenden Myopie zu bewahren.(2)

1 Als hoch myop wird ein Auge mit einer Achsenlänge von mehr als 26,5mm oder einer Fehlsichtigkeit von -6,00 dpt bezeichnet.
2 Aldo Vagge, Lorenzo Ferro, Desideri, Prevention of Progression in Myopia: A Systematic Review, in: diseases (online abrufbar unter:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6313317/pdf/diseases-06-00092.pdf, zuletzt abgerufen am: 06.11.2019)

Der Visual Behavior Monitor

Aufbau und Funktion

Da die meisten Studien auf Fragebögen oder Umfragen basieren, ist es schwierig objektive Messdaten zu erhalten. Genau aus diesem Grund machte es sich die Firma Vivior aus Zürich zur Aufgabe, ein Gerät zu entwickeln, welches objektive Messdaten aufzeichnet und speichert.(3) Dies gelang ihnen mit dem Visual Behavior Monitor, kurz Vivior Monitor. Jener Monitor kann an jeder beliebigen Brillenfassung montiert werden und ist mit seinem geringen Gewicht von 14g kaum bemerkbar.(4) Verschiedenste Sensoren messen nicht nur die Lesedauer und den Leseabstand, sondern auch die Helligkeit, Kopfneigung und die UV- Emission der Umgebung. Zusätzlich werden die Alltagsaktivitäten des Probanden protokolliert. Die vermessenen Parameter treffen jedoch nur bei Probanden zu, welche zum Zeitpunkt der Messung vollkorrigiert waren. Die gewonnenen Daten werden in der Vivior Cloud gespeichert, jedoch wird bei den Aufzeichnungen weder eine Kamera noch ein Mikrofon verwendet, da es aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich wäre.

Sekundärerkrankungen durch hohe Myopie

Definition

Als pathologische Myopie wurden ursprünglich die „Veränderungen der Sklera, Aderhaut oder des Pigmentepithels“(5) bezeichnet. Da hierbei jedoch die Abgrenzung nicht einheitlich war, etablierte es sich dann von einer hohen, beziehungsweise pathologischen Myopie zu sprechen, wenn die Achsenlänge über 26,5 mm beträgt oder die Kurzsichtigkeit mehr als -6 Dioptrien beträgt. Der Großteil der aktuellen Untersuchungen fokussierte sich auf die Augenlänge.(6)

 

3 Angelika Hunder und Bartz-Schmid, Myopie, in: Augennews Universitäts- Augenklinik Tübingen 04/2019, 4.
4  Andreas Kelch, Schwerpunkt Presbyopie. Sehlösung 2.0, in: Focus 09/2019, 70.
5 F.Ziemssen, W. Lagrèze und B. Voykov, Sekundärerkrankungen bei hoher Myopie, in: Der Ophtalmologe 11/2016, 2.
6 F.Ziemssen, W. Lagrèze und B. Voykov, Sekundärerkrankungen bei hoher Myopie, in: Der Ophtalmologe 11/2016, 2.

 

Damals wurden die optische Achse und die Bulbusausdehnung mittels Ultraschalles bestimmt, heute wird jedoch eine Kohärenztomographie bevorzugt. Hierbei wird berührungslos und für den Patienten schmerzfrei „eine Schichtaufnahme des hinteren Netzhautbereiches und des Sehnervenkopfes angefertigt.“(7) Handelt es sich um ein stark myopes Auge, ist jenes nicht nur dementsprechend zu groß, sondern auch dünnwandiger als ein emmetropes Auge. Somit unterscheidet sich das stark myope Auge ein Leben lang von einem normalsichtigem, trotz sämtlichen Korrekturen, Hemmungen oder Operationen.

Pathologische Veränderungen

Bei der äquatorialen Dehnung handelt es sich um eine klassische Längenmyopie, bei der das Auge entlang der optischen Achse zu lang gebaut ist. Sie ist die häufigste Form der pathologischen Myopie, welche kontinuierlich oder schubweise erfolgt. Die hintere Elongation äußert sich durch unregelmäßige Verformungen an der Rückseite des Bulbus. Die Symptome beider pathologischen Veränderungen sind beinahe ident, da sich vor allem die Retina und die blutgefäßreiche Chorioidea dehnen. Als Folge treten feine Risse der Netzhautschichten auf, die sogenannten Lacksprünge. Diese Risse entstehen in der Bruch´schen Membran, welche sich zwischen der Netzhaut und der Aderhaut befindet. Dies führt zur verminderten Durchblutung des Netzhautgewebes und hat krankhafte Blutgefäße zur Folge, welche meist im Bereich der Makula entstehen. Ohne rechtzeitige Behandlung kommt es durch Austritt von Blut und Ödemen zur Vernarbung der Netzhaut. Mit Behandlungen ist es zwar möglich, das Sehvermögen zu erhalten, jedoch nicht mehr zu verbessern. Die letzte Verformungsart des Bulbus ist die globale Vergrößerung, welche die schwerwiegendsten pathologischen Folgen mit sich bringt. Der Glaskörper des Bulbus besteht zu 98% aus Wasser und wird durch Kollagenfibrillen stabilisiert. Ein störender, jedoch völlig ungefährlicher Nebeneffekt ist die rasche Verdichtung jener Kollagenfibrillen im Inneren des Glaskörpers, welche bei hoher Myopie immer früher entsteht. Betroffene nehmen scheinbar fliegende Punkte oder Flusen war, die sogenannten mouches volantes. Diese müssen nur in schwerwiegenden Fällen mittels Vitrektomie (Entfernung des Glaskörpers) medizinisch behandelt werden, da sie im Alltag meist stressbedingt oder bei starker Konzentration auftreten. Die Elastizität geht langsam verloren, wodurch sich der Glaskörper langsam von der Netzhaut abhebt (hintere Glaskörperabhebung). Problematisch wird es dann, wenn sich der Glaskörper nur punktuell löst und somit mit seinem Eigengewicht an den noch verbundenen Stellen mit der Netzhaut zieht. Durch den Zug der ausgehend vom Glaskörper an der Netzhaut entsteht, kommt es gelegentlich zu Gefäßeinrissen und somit zu Glaskörperblutungen, wodurch der Betroffene erstmals eine Sehverschlechterung bemerkt.

 

(7) Augenzentrum Dr. Azem & Partner - Fachärzte für Augenheilkunde und Optometrie OG. In: OCT (optische Kohärenztomographie), (online abrufbar unter: h ttps://www.augenzentrum-a zem.at/oct.html, zuletzt aufgerufen am 01.11.2019)

 

Kommt es zur kompletten Glaskörperabhebung, werden graue Schatten wahrgenommen und der Kunde nimmt ständig Lichtblitze oder ähnliche Lichtphänome war. Spätestens dann sollte man umgehend einen Augenarzt aufsuchen! Da die Betroffenen die Anzeichen einer Makuladegeneration beziehungsweise deren Sehverschlechterung meist als nicht relevant empfinden, lassen sich zwischen 50 und 70% erst untersuchen, wenn sich der Glaskörper bereits vollständig von der Netzhaut gelöst hat.(8) Somit wird eine Behandlung relativ schwierig. Am häufigsten sind Patienten zwischen 55 und 70 Jahren betroffen. Durch die immer häufiger werdende Myopie bereits im Kleinkindalter, tritt die periphere Netzhautdegeneration jedoch immer früher und um 15% häufiger auf. Das Risiko, an einer peripheren Netzhautdegeneration zu erkranken, steigt bei zunehmender Achsenlänge und dementsprechend höherer Fehlsichtigkeit. Im Vergleich zu emmetropen Augen steigt die Wahrscheinlichkeit bei einer Refraktion zwischen -1 Dioptrie und -3 Dioptrien auf ein Vierfachens, zwischen -3 Dioptrien und -6 Dioptrien bereits auf ein Zehnfaches an.

Behandlung

Es gibt zwei operative Behandlungsmöglichkeiten. Beim Sklera-eindellendem Verfahren werden jene Stellen, an der sich der Glaskörper von der Netzhaut gelöst hat, mittels einer Sonde wieder an der Netzhaut fixiert. „Durch Aufnähen eines Schaumstoffschwämmchens (sogenannte Plombe)“(9) wird der Zug des Glaskörpers auf die Netzhaut verringert. Weist die Netzhaut jedoch mehrere Löcher auf, wird es mittels „zirkulärer Eindellung mit einem Silikonband“ behandelt. Hierbei wird das Band rund um den Bulbus gelegt. Sobald an den Löchern kein Zug vom Glaskörper ausgehend mehr vorliegt, „absorbiert das retinale Pigmentepithel die Flüssigkeit und die Netzhaut legt sich innerhalb weniger Tage wieder an.“(9) Die Erfolgsrate bei dieser Behandlungsmethode liegt zwischen 85 – 90%. Die Behandlung von mehreren Löchern mithilfe eines Silikonbandes führt jedoch meist zu einer Verformung des Bulbus und somit zu einer Refraktionsänderung. Die Plombe beziehungsweise das Silikonband wird für gewöhnlich nur bei Unverträglichkeiten wieder entfernt und verhindert somit eine erneute Ablösung der Netzhaut. Bei einer Vitrektomie wird zunächst der Glaskörper, welcher für die Degeneration verantwortlich ist, entfernt. Der nächste Schritt besteht darin, die subretinale Flüssigkeit zu verdrängen und das Netzhautloch zu vernarben. Dazu wird entweder ein Laser benutzt, oder das Loch wird vereist. Der nun hohle Innenraum wird anschließend sofort mit einem Glaskörperersatz gefüllt, welcher so lange an die Netzhaut gedrückt werden muss, bis sich eine feste Narbe rund um das Netzhautloch gebildet hat.

8 Nicolas Feltgen, in: Rissbedingte Netzhautablösung – ein ophthalmologischer Notfall (online abrufbar unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/152678/Rissbedingte-Netzhautabloesung-ein-ophthalmologischer-Notfall, zuletzt aufgerufen am 04.11.2019)
9 F.Ziemssen, W. Lagrèze und B. Voykov, Sekundärerkrankungen bei hoher Myopie, in: Der Ophtalmologe 11/2016, 5.

 

Für den Ersatz des Glaskörpers wird entweder ein Luft-/Gasgemisch oder eine Silikonöltamponade verwendet. Bei leichteren Eingriffen, meist bei einem einzelnen Netzhautloch, wird das Luft-/Gasgemisch bevorzugt.

Das Gemisch muss nicht mehr entfernt werden, da es je nach injiziertem Volumen zwischen 14 Tagen und zwei Monaten absorbiert wird.

Der gravierende Nachteil dieser Methode ist jedoch die Gefahr der Druckdekompensation. Der Patient sollte große Höhenunterschiede möglichst vermeiden, wie unter anderem Bergüberquerungen oder Flüge. Bei komplizierteren Eingriffen wird die Verwendung einer Silikonöltamponade bevorzugt. Die Nachteile dieser Methode liegen darin, dass die Tamponade unteranderem wieder operativ entfernt werden muss. Zudem ergibt sich durch die Zufuhr von Öl eine Brechkraftänderung von bis zu +6 Dioptrien und somit eine stark bemerkbare Sehverschlechterung für den Patienten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Glaskörper wieder an die Netzhaut anlegt, liegt zwischen 85 und 90%, jedoch liegt die Wahrscheinlichkeit einer Linsentrübung im ersten Jahr nach der Vitrektomie bei 77%. Die Eingriffe können entweder unter örtlicher Betäubung oder unter Allgemeinnarkose durchgeführt werden. Meist wird eine Allgemeinnarkose angewandt.(10)

 

Myopiehemmung

Brillen und Kontaktlinsen

In der Praxis werden Einstärkenbrillen und Kontaktlinsen am häufigsten für die Korrektion von Myopie verschrieben. Es wurde versucht, die Myopie mit Gleitsicht- bzw. Bifokalbrillen einzudämmen. Wie Studien zeigen, ist der Grundgedanke hinter der Behandlung mit Mehrstärkenbrillen der, dass durch den Nahzusatz die Akkommodation bei Naharbeiten unterstützt wird. Eine finnische Studie, welche 3 Jahre andauerte, hat 240 Schulkinder zwischen 9 und 11 Jahren untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass das Fortschreiten der Myopie eher mit der Naharbeit an sich in Verbindung steht und dadurch die Benützung von Mehrstärkenbrillen für die Eindämmung ineffektiv ist. Eine weitere Studie mit 469 Probanden im Alter von 9 Jahren bestätigt dies. Die Kinder wurden in 2 Gruppen aufgeteilt. Eine wurde mit Mehrstärkenbrillen ausgestattet, die andere mit den vom Augenarzt verschriebenen Einstärkenbrillen. Die Studie dauerte ebenfalls 3 Jahre an. Es wurde eine durchschnittliche positive Veränderung von 0,2 Dioptrien festgestellt. Alles in allem wird die Therapie mit Mehrstärkenbrillen durch die schwachen Ergebnisse heutzutage nicht verwendet.

Ortho-K Linsen

Orthokeratologie (Ortho-K) ist eine Technik, mit der zum ersten Mal in den 1960er Jahren experimentiert wurde. Durch formstabile Kontaktlinsen, welche über Nacht getragen werden, soll das Zentrum der Cornea abgeflacht werden. Eine Studie hat zwei Gruppen von Probanden mit Ortho-K Linsen ausgestattet.

10 Nicolas Feltgen, in: Rissbedingte Netzhautablösung – ein ophthalmologischer Notfall (online abrufbar unter: h ttps://www.aerzteblatt.de/archiv/152678/Rissbedingte-Netzhautabloesung-ein-ophthalmologischer-Notfall, zuletzt aufgerufen am 04.11.2019)

Die andere mit ganz gewöhnlichen Einstärkenbrillen. Dabei wurde herausgefunden, dass jene Probanden, die mit Ortho-K Linsen ausgestattet wurden, eine positive Veränderung von durchschnittlich 2,09 dpt nach 24 Monaten vorzuweisen hatten. Orthokeratologie bietet im Vergleich zu anderen Formen der Myopiehemmung zahlreiche klare Vorteile. Diese Methode hat sich im Vergleich zu allen anderen Formen als sicher und wirksam bewiesen. Auch in Fällen wo die Kurzsichtigkeit nicht voll korrigiert werden kann, konnte die Progressionsrate um mehr als 45% gesenkt werden, wie eine öffentliche Studie der Hong Kong Polytechnical University gezeigt hat(11). Orthokeratologie sollte jedem jungem Patienten als sicherste und effektivste Methode zur Eindämmung der progressiven Myopie vorgeschlagen werden. Sollte diese Methode keine Ergebnisse zeigen, sollten die anderen Methoden in Erwägung gezogen werden, jedoch sollte sich ein Behandlungsstandard zur Eindämmung progressiver Myopie etablieren.

Aktivitäten im Freien

In Taiwan wurde mittels 571 Kindern in einer Klassenraum-Studie geforscht. Sie zeigte, dass mehr Aktivität im Freien bei der Kontrollgruppe eine positive Entwicklung von durchschnittlich 13,03% nach 1 Jahr erzielte. Eine chinesische Studie erforschte mit 2276 Kindern zwischen 10 und 15 Jahren, dass vermehrte Aktivität im Freien auch eine positive Auswirkung auf die Entwicklung des Augenwachstums hat (ungefähr 0,005mm/Jahr). Kinder, die jedoch davor bereits myop waren, zeigten keine positive Entwicklung in der Achsenlänge. Diese Studien bestätigen, dass Aktivitäten an der frischen Luft eher die Stärke des refraktiven Fehlers, als die Eindämmung der Myopie vorantreiben.

Medizinische Wege

1% Atropinsulphat-Lösung wurde bereits im 19. Jahrhundert von Hermann Cohn zur Hemmung der Myopie eingesetzt. Allerdings wurden schon damals die Nebenwirkungen (Blendung, Verlust des scharfen Sehens in der Nähe) als so störend empfunden, dass Hermann Cohn vorschlug, die Ferien zu verlängern, da dies auch die Myopie verringern würde. Mehrere Studien gegen Ende des letzten Jahrhunderts erforschten, dass der tägliche Einsatz von 1% Atropin nicht akzeptabel sei, obwohl es eine gute Hemmwirkung vorzuweisen hatte. Kurz vor der Jahrtausendwende wurde herausgefunden, dass auch 0,01% wirksam war.

Die „ATOM2-Studie“ in Singapur entdeckte einen weiteren Vorteil: die über 2 Jahre erreichte Hemmung der Myopie blieb nach der Absetzung der Tropfen erhalten, so dass die Probanden nach 5 Jahren nur halb so myop wie zuvor waren. Gegenwärtig wird 0,01% Atropin gegen eine Zunahme von Myopie weltweit immer häufiger verwendet. Das größte Problem bei der Atropin- Behandlung ist zurzeit, dass es kommerziell in der niedrigen Dosierung nicht erhältlich ist. Viele Apotheken produzieren es als „off-label“ Formulierung.

11 Points de Vue – International Review of Opthalmic Optics, 73, 2016

Ein einheitliches Bild wird erst vorliegen, wenn eine einheitliche Rezeptur verfügbar ist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Atropin in Zukunft noch eine große Rolle bei der Hemmung der Myopie spielen wird.(12)

Augentraining

Aus der Bates` Theorie in den 20er Jahren wurde angenommen, dass eine Überarbeitung der okularen Muskeln eine Veränderung der Akkommodation hervorrufen könnte. Im Genauen wurde versucht, das autonome Nervensystem am Akkommodationsprozess teilhaben zu lassen. Eine Studie mit 33 weiblichen Studentinnen sollte die Wirkung des visuellen Trainings durch eine akustische Biofeedback-Technologie testen. Nach 12 Monaten konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen der Gruppe mit den Probandinnen und der Kontrollgruppe, welche keine Behandlung erhielt, festgestellt werden. Eine andere Studie in China, an welcher 261 Kinder teilnahmen, untersuchte den Zusammenhang zwischen Augenübungen und der Myopie. Weder bei einer normalen Myopie noch bei der progressiven Myopie konnte nach 2 Jahren eine Verbesserung festgestellt werden. Insgesamt haben deutlich mehr Studien gezeigt, dass durch simples Augentraining bzw. durch Biofeedback-Techniken keine Erfolge in der Eindämmung oder der Verhinderung einer Myopie erzielt werden konnten.

Umfrage

Von 29.10.2019 bis 05.11.2019 führten wir im Zuge dieser Arbeit eine Umfrage mit 119 OptikerInnen und Optiklehrlingen durch, um zu sehen, welche Hemmmethoden die OptikerInnen in den Geschäften kennen. Die TeilnehmerInnen dieser Umfrage sind seit durchschnittlich 13 Jahren in der Optik tätig.

Umfrageergebnisse

Das Ergebnis dieser Umfrage zeigt, dass Augenoptiker bzw. hauptsächlich Meister und angehende Meister über die Hemmwirkung von 0,01% Atropinlösung gehört haben. Die bereits etablierten oder diese die heutzutage genutzt werden, wurden von allen Berufsgruppen identifiziert. Ebenso gab es am Ende der Umfrage ein Textfeld in welchem die Teilnehmer ihre eigenen Hemmmethoden hinzufügen konnten. Dies hat kein Ergebnis gebracht, welches für uns eine gewisse Relevanz hat.

 

12 Angelika Hunder und Bartz-Schmid, Myopie, in: Augennews Universitäts- Augenklinik Tübingen 04/2019, 10.

Fazit

Der derzeitige Kurs ist sehr erschreckend. Sollten die derzeit noch laufenden Forschungen nicht in naher Zukunft die gewünschten Ergebnisse erzielen, sieht es für die Zukunft nicht allzu gut aus. Mit Geräten wie dem Visual Behavior Monitor von Vivior wurde ein großer Beitrag geleistet um den Zusammenhang der Myopie mit erhöhter Naharbeit nachzuweisen. Die derzeit am freien Markt zugänglichen Methoden, wie Augentraining oder Multifokalbrillen, sind nicht ausreichend. Orthokeratologie und die Hemmung durch 0,01% Atropinsulphatlösung sind zur Eindämmung deutlich besser geeignet, jedoch ist die Orthokeratologie derzeit noch zu „unbekannt“ und Atropinsulphatlösung wird zurzeit nur von Apotheken selbst hergestellt. Atropin wird sich jedoch erst durchsetzen, wenn eine einheitliche Rezeptur vorhanden ist. Alle oben angeführten Methoden, welche sich als wirksam erwiesen, können den Fortschritt der Myopie verhindern, um die pathologischen Veränderungen des Auges nicht außer Kontrolle geraten zu lassen. Sonst wird dies zu einer großen Herausforderung für das globale Gesundheitssystem, sowohl ökologisch als auch sozial. Der Lebensstil der heutigen Zeit (deutlich mehr Bildschirmarbeit, Kinder hantieren im jungen Alter bereits mit Handys, Tablets, PCs usw.) trägt einen massiven Beitrag zu dieser Entwicklung bei. Man sollte sich nun den Herausforderungen stellen, die die derzeitige Situation mit sich bringt, bevor es zu spät ist und die halbe Weltbevölkerung myop ist und mehr als 17% stark myop. Viele Universitäten und Institute investieren zwar mittlerweile sehr viel, aber die Hilfe der großen Pharmaunternehmen bleibt vorerst noch aus. Auch die Gefahr, dass durch die Pharmaunternehmen der Preis, hauptsächlich von Atropin, sehr hoch sein wird und so für die ärmere Bevölkerung schwer zugänglich sein wird, ist realistisch. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die pathologischen Veränderungen nicht gestoppt werden können, sehr hoch.

 

Quellenverzeichnis

·       Angelika Hunder und Bartz-Schmid, Myopie, in: Augennews Universitäts- Augenklinik Tübingen 04/2019, 4-10.

·       Andreas Kelch, Schwerpunkt Presbyopie. Sehlösung 2.0, in: Focus 09/2019, 70-72.

·       F.Ziemssen, W. Lagrèze und B. Voykov, Sekundärerkrankungen bei hoher Myopie, in: Der Ophtalmologe 11/2016, 2-5.

·       Augenzentrum Dr. Azem & Partner - Fachärzte für Augenheilkunde und Optometrie OG. In: OCT (optische Kohärenztomographie), (online abrufbar unter: https://www.augenzentrum-azem.at/oct.html, zuletzt aufgerufen am 01.11.2019)

·       Nicolas Feltgen, in: Rissbedingte Netzhautablösung – ein ophthalmologischer Notfall (online abrufbar unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/152678/Rissbedingte-Netzhautabloesung-ein-ophthalmologischer-Notfall, zuletzt aufgerufen am 04.11.2019)

·       Points de Vue – International Review of Opthalmic Optics, 73, 2016

·       Aldo Vagge, Lorenzo Ferro, Desideri, Prevention of Progression in Myopia: A Systematic Review, in: diseases (online abrufbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6313317/pdf/diseases-06-00092.pdf, zuletzt abgerufen am: 06.11.2019)

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