Sieht die Schweiz immer schlechter?

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Ein Vergleich der Myopien zwischen 1989-1993 und 2013-2017

von Lukas Zurbuchen, B.Sc. in Optometrie, EurOptom SBAO

Erstveröffentlicht im Focus Januar 2019

Abstract

Ziel Das Ziel der Analyse ist es, die Unterschiede der Myopie Prävalenz von 1989 bis 1993 und 2013 bis 2017 in der Schweiz zu vergleichen.

Methoden Es wurden 34’380 Refraktionswerte, die von 1989-1993 und 2013-2017 gesammelt wurden, statistisch ausgewertet. Dabei wurden die Myopien von 5 Altersgruppen mit einem 2-seitigen T-Test verglichen.

Resultate In allen Altersgruppen zeigte sich eine hoch signifikante Zunahme der Mittelwerte der Myopie (mit -2.39 ± 2.26 dpt zu -2.74 ± 2.41 dpt.) und der Prävalenz.

Autor: Lukas Zurbuchen, Student des Masterstudiengangs Vision Science and Business (Optometry) in Aalen, arbeitet in Bern als Optometrist in einem Augenoptikergeschäft in der Kontaktlinsenanpassung und Brillenglasbestimmung.  Seit seinem Bachelor Abschluss 2015 liegen seine Hauptinteressen in der klinischen Optometrie und Myopiekontrolle mit Kontaktlinsen.

Einleitung

Zwischen 1989 und 2017 wuchs die schweizer Bevölkerung von 6.65 auf 8.48 Millionen (1) (2). Inzwischen wurde die Babyboomer Generation presbyop (3) (Grafiken 1&2). Lebensstiländerungen wie digitaler Medienkonsum und weniger im Freien verbrachte Zeit wurden üblich in den vergangenen 20 Jahren (4) (5). Die Anzahl der Universitäts- und Fachhochschulstudierenden der gesamten Schweizer Bevölkerung vervielfachte um das 2.8-fache zwischen 1990 von 1.3% (n=85’940[1]) und 2017 zu 2.8% (n=244’104) (1) (6) (7). 2016 hatten 36.8% der 25 bis 34-jährigen einen Hochschulabschluss. Bei den über 75-jährigen hatten 9.9% einen Hochschulabschluss (8). Verhoeven VJM et al. zeigte in einer Studie eine signifikante Korrelation zwischen Bildungsgrad und Myopie (9). Eine grosse retrospektive Analyse im Jahr 2015 zeigte eine zunehmende Myopie Prävalenz in Europa je jünger die Menschen werden. Die Myopie Prävalenz liegt bei Menschen, die zwischen 1910 und 1939 geboren wurden, bei 17.8% und bei Personen mit Jahrgang 1940 bis 1979 bei 23.5% (10). In Westeuropa war 2004 die Myopie Prävalenz bei den über 40-jährigen bei 26.6% (11). Je älter die Generation, desto geringer die Myopie Prävalenz.

Methoden

Datenbank Extraktion

Alle Fernrefraktionen, die zwischen 1989 und 1993 und zwischen 2013 und 2017 in einem Schweizer Optikergeschäft (L+Z Optik AG) in Bern erfasst wurden, wurden in ein Excel Dokument exportiert. Nach dem Datenexport wurden die Daten anonymisiert und folgende Werte für die Analyse verwendet: Geburtsdatum, Datum der Refraktionsbestimmung, Geschlecht und refraktionswerte beider Augen (Sphäre, Cylinder und Achse). Datensätze mit inkorrektem Alter wurden aus der Analyse ausgeschlossen. Nicht exkludiert werden konnten Refraktionswerte von Personen mit Pseudophakie, refraktiver Chirurgie, Ektasien, Aphakie und Augenerkrankungen. Da im Datensatz von 1989 bis 1993 nur teilweise Visuswerte vorhanden waren, konnten diese nicht für die Auswertung nicht verwendet werden.

Datenbank Inhalt

Für diese Ametropieanalyse wurden 34'380 Refraktionswerte (erste Gruppe 1989 bis 1993: 22'272 Messungen und zweite Gruppe 2013 bis 2017: 12'108 Messungen) verwendet. Die Refraktionswerte wurden von eidg. Dipl. Augenoptikern[2], Optometristen und Ophthalmologen ermittelt. Für die Analyse wurde jeweils das sphärische Äquivalent (Sphäre + halber Cylinder) verwendet.

Für die Analyse wurden die Patienten in fünf Altersgruppen unterteilt (Tabelle 1). Kinder, junge Erwachsene, Erwachsene, Presbyope und Pensionierte[3]. Das Altersspektrum der Patienten am Tag der Refraktionsbestimmung war 2 bis 88-jährig (Mittelwert 49.43785 ± 17.83262) in der ersten Gruppe und 2 bis 101-järhig (Mittelwert 54.03303 ± 19.34848) in der zweiten Gruppe. Die durchschnittliche Ametropie der ersten Gruppe liegt bei -0.84 ± 2.66 dpt und -0.96 ± 2.82 dpt bei der zweiten Gruppe.

Tabelle 1: In die Analyse einbezogene Patienten

 

Resultate

Myopie Prävalenz

Die Myopie Prävalenz erhöhte sich in allen Altersgruppen einzig in der jüngsten Altersgruppe kann eine abnehmende Prävalenz der hohen Myopie ausgemacht werden (2.9% zu 1.8%, Tabellen 3 und 4). Das Durchschnittsalter der Kinder erhöhte sich von 13.27 ± 3.44 auf 13.34 ± 3.38-järhig. Der Anteil der hyperopen Kinder verringerte sich von 22.9% auf 17.0%. Eine Verschiebung der Ametropie Prävalenz in Richtung Myopie kann in Tabelle 5 ausgemacht werden. Werden die Altersgruppen verglichen, zeigt sich eine höhere Prävalenz der Myopie von 2013 bis 2017 verglichen mit 1989 bis 1993 in allen Altersgruppen. In der Altersgruppe der Kinder ist die Prävalenz der Myopie geringer als in den Erwachsenen Altersgruppen, sowohl 1989 bis 1993 als auch 2013 bis 2017.

Mittelwerte Ametropie

Die Mittelwerte der Ametropien von 1989 bis 1993 und 2013 bis 2017 wurden mittels 2-seitigem T-Test verglichen. Die Mittelwerte der Ametropien der Kinder zeigt keine signifikante Differenz (p = 0.326). Der Unterschied der Mittelwerte der Ametropien ist in jeder erwachsenen Altersgruppe hoch signifikant[4] (Tabelle 2).

Werden die Mittelwerte der Myopie verglichen, unterscheiden sich diese jeder Altersgruppe hoch signifikant[5].

 

Diskussion

Die Ametropieanalyse zeigt eine zunehmende Prävalenz der Myopie in den letzten 25 Jahren. Wie in bisherigen Publikationen gezeigt wurde, unterstützt auch diese Analyse die Tatsache, dass in jüngeren Jahrgängen die Myopie Prävalenz höher ist (10) (11).  In der Gruppe der Kinder und der jungen Erwachsenen ist die Myopie Prävalenz geringer als in der Gruppe der Erwachsenen. Da eine abnehmende Prävalenz der Myopie eher unwahrscheinlich ist, kann davon ausgegangen werden, dass in diesen Altersgruppen noch nicht alle myopisiert haben. Insbesondere die jüngeren Kinder sind im Augenlängenwachstum noch nicht abgeschlossen. Interessant ist die Tatsache, dass in diesem Datensatz der Mittelwert der Myopie der Kinder und Pensionierten von 2013 bis 2017 geringer ausfällt, als er 1989 bis 1993 war. Es gibt zwar in diesem Datensatz einen zunehmenden Anteil an myopen Kindern, nicht aber stärker myopen Kindern. Ein möglicher Grund könnte sein, dass heutzutage in der Brillenglasbestimmung sensibler darauf geachtet wird, Kinder nicht zu stark zu korrigieren. Da heute früher Katarakt operiert wird, kann davon ausgegangen werden, dass die Refraktionswerte in der pensionierten Altersgruppe stärker verfälscht wurde.

Die Stärken dieser Analyse liegen im grossen Datensatz. Die Schwächen liegen in den Einschlusskriterien, da auf Grund der Dokumentationsart der Software keine Patienten mit Pseudophakie, Aphakie, mit refraktiver Chirurgie behandelten Augen und Augenerkrankungen ausgeschlossen werden konnten. Zudem lassen emmetrope Patienten weniger häufig Ihre Augen in einem Augenoptikergeschäft untersuchen als ametrope, was allgemein hohe Prävalenz der Myopie erklärt. Dennoch unterstützt diese Analyse bisher generiertes Wissen über die Prävalenz der Myopie und zeigt die Dringlichkeit auf, dass Myopiekontrolle alle Personen, die eine Versorgung mit Sehhilfen anbieten etwas angeht. Nebst stärkeren Brillengläsern oder Kontaktlinsen birgt die Myopie massiv erhöhte Risiken für Netzhautablösungen, Katarakt und Glaukom (13).

 

Referenzen

  1. bevölkerung schweiz 1989 - Google-Suche [Internet]. [cited 2018 Apr 15]. Available from: https://www.google.ch/search?q=bev%C3%B6lkerung+schweiz+1989&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b-ab&gfe_rd=cr&dcr=0&ei=xlnTWvvjKfTBXo2Ql_AJ
  2. Starker Rückgang des Bevölkerungswachstums im Jahr 2017 - Bevölkerungsentwicklung 2017: Provisorische Ergebnisse | Medienmitteilung | [Internet]. [cited 2018 Apr 15]. Available from: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung.assetdetail.4782547.html
  3. Redaktion. Trends des demographischen Wandels. [Internet]. Wir, die Altersspezialisten ! 2014 [cited 2018 Apr 15]. Available from: https://alterskompetenz.info/trends-des-demographischen-wandels/
  4. Schweiz - Internetnutzung auf mobilen Endgeräten 2017 | Statistik [Internet]. Statista. [cited 2018 Apr 30]. Available from: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/307597/umfrage/internetnutzung-auf-mobilen-endgeraeten-in-der-schweiz/
  5. Schweiz - Internetnutzung nach Häufigkeit 2017 | Statistik [Internet]. Statista. [cited 2018 Apr 30]. Available from: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/298755/umfrage/internetnutzung-in-der-schweiz-nach-haeufigkeit/
  6. Tertiärstufe - Hochschulen [Internet]. [cited 2018 Apr 29]. Available from: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/personen-ausbildung/tertiaerstufe-hochschulen.html
  7. Schweiz - Studierende an öffentlichen Hochschulen 2016/2017 | Statistik [Internet]. Statista. [cited 2018 Apr 29]. Available from: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/289737/umfrage/anzahl-der-studierenden-an-oeffentlichen-hochschulen-in-der-schweiz/
  8. Schweiz - Bildungsstand der Bevölkerung nach Altersgruppen 2016 | Statistik [Internet]. Statista. [cited 2018 Apr 29]. Available from: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/306640/umfrage/bildungsstand-der-bevoelkerung-in-der-schweiz-nach-altersgruppen/
  9. Verhoeven VJM, Buitendijk GHS, Rivadeneira F, Uitterlinden AG, Vingerling JR, Hofman A, et al. Education influences the role of genetics in myopia. Eur J Epidemiol. 2013;28(12):973–80.
  10. Galvis V, Tello A, Parra MM. Re: Williams et al.: Increasing prevalence of myopia in Europe and the impact of education (Ophthalmology 2015;122:1489-97). Ophthalmology. 2016 Apr;123(4):e28–9.
  11. The Prevalence of Refractive Errors Among Erwachsene in the United States,Western Europe, and Australia. Arch Ophthalmol. 2004 Apr 1;122(4):495–505.
  12. schweizer bevölkerung 1990 - Google-Suche [Internet]. [cited 2018 Apr 29]. Available from: https://www.google.com/search?q=schweizer+bev%C3%B6lkerung+1990&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b-ab
  13. Gifford, Kate & Paul. “Klinisches Myopie-Profil,” 2017. [cited 2018 Sept 03].

 

[1] von 6.716 Millionen Einwohnern

[2] Bisheriges schweizer Diplom

[3] Kinder <18-jährig, junge Erwachsene 18-28-jährig, Erwachsene 29-45-jährig, Presbyope 46-65-jährig und Pensionierte >65-jährig

[4] P < 0.01

[5] Kinder p = 0.0035; junge Erwachsene p = 0.0010; Erwachsene p = 2.0 10-35; Presbyope p = 9.0 10-15; Pensionierte p = 4.3 10-5

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